Streich traf Reif: Steilvorlage für's neue SC-Stadion

Streich traf Reif: Steilvorlage für's neue SC-Stadion

Im bestens gefüllten Jazzhaus durfte ein interessiertes Publikum dem Fußball-Plausch zweier absoluter Bundesliga-Kenner beiwohnen: Christian Streich traf auf Marcel Reif. Dabei waren sich der renommierte Fußball-Reporter und der bundesweit für seine erfrischend direkten Kommentare beliebte SC-Trainer in vielem einig. Die Fragen des langjährigen "Sport im Dritten"-Moderators Jürgen Schieck spielten sie sich eher wie einen Doppel- denn einen Steilpass hin und her, sozusagen in bester Streich-Manier: den Ernst der Lage nie verkennend - und dennoch häufig humorvoll.

Was das besondere Interesse des Publikums erregte? Keine Frage: natürlich das in Freiburg hitzig diskutierte Stadion-Thema, das der kundige Sport-Journalist mit einer grundlegenden Wahrheit zur aktuellen Spielstätte und zur Situation des Sport-Clubs eröffnete: "Dieses Stadion ist nicht erstligatauglich." Natürlich könne lang und breit über den heutigen Kommerz im Profi-Fußball gestritten werden und auch darüber, ob das alles eine falsche Entwicklung sei. Aber an dieser Diskussion nehme er selbst nicht mehr teil: "Das bringt nichts - es ist wie es ist; und es gibt ganz klare Anforderungen an einen Erstliga-Club."

Entweder Spagat oder Quadratur des Kreises

Wenn man in Freiburg sagen würde: "Dritte Liga reicht!", so Reif weiter, dann gehe das am aktuellen Standort. Um aber Erstliga-Fußball zu spielen, dürfe man nicht jedes Jahr wie Don Quijote gegen Windmühlen anrennen, müsse man seine Hausaufgaben machen. Sonst könne man in Freiburg so intelligent und innovativ sein, könne so viel Jugendarbeit machen wie man wolle, habe aber dennoch ein strukturelles Problem - und somit leider keine Aussicht auf Erfolg. Jedenfalls nicht in einem Stadion, wie Reif betonte, "das mit sehr viel Mühe Zweitliga-Format hat. Dann wollt Ihr hier jedes Jahr aus dem Kreis ein Quadrat machen!"

Marcel Reif bekräftigte aber auch, was in Freiburg ohnehin selbstverständlich ist: "Es geht nicht darum zu sagen, wir schmeißen alles, was uns so sympathisch gemacht hat und was uns ausmacht, was unsere Philosophie und unsere Identität war, wegen einem Stadion über Bord und laufen irgendeinem Mammon hinterher. Aber Du musst den Spagat schaffen, wenn Du Dich da oben etablieren willst." Gemeint ist, die Balance zu halten zwischen dem was notwendig, aber zugleich auch machbar und sinnvoll ist.

Bewährte Traditionen und eigene Identität trotz eines neuen Stadions

Ohne dem SC Freiburg diese Einsicht absprechen zu wollen, schlägt Reif deshalb zur Orientierung den Blick nach Gladbach vor, wo sich der Verein Anfang des letzten Jahrzehnts in gewisser Weise in einer ähnlichen Lage befand: Die Borussia habe am Bökelberg ein Stadion gehabt, so Reif, "das war so mit Tradition getränkt, da konntest Du vor lauter Schwarz-weiß-Bildern kaum mehr laufen. Die Mannschaft schmierte dann ab, der ganze Kult von früher war Kokolores - und dann haben die irgendwann gesagt: 'Wir müssen ein neues Stadion bauen!' Ich empfehle jedem, sich das mal anzukucken. Das hat genau die Dimension, die für Gladbach stimmt." So habe die neue Borussia-Arena, wie er bespielhaft fortfährt, "genau die gastronomischen Bereiche, die es braucht - aber nie überdreht."

Auch am Beispiel Mainz machte Marcel Reif deutlich, dass ein neues Stadion ohne die Aufgabe der eigenen Identität gebaut werden kann, um dann mit Blick auf den Sport-Club und die in Freiburg Verantwortlichen zu betonen: "Ich glaube, dass die Leute hier wissen, wer sie sind und was es für ein Stadion braucht." Christian Streich, der zuvor schon durch häufiges Nicken Zustimmung bekundet hatte, stellte seinerseits noch einmal klar: "Ich liebe diesen Standort oben an der Schwarzwaldstraße total und wäre am allerliebsten dort geblieben - wenn es möglich wäre", um im Anschluss auf die Realität der Bundesliga zu sprechen zu kommen.

Die Situation des SC Freiburg

Wer sollte die Situation besser einschätzen können, als der Trainer eines Vereins selbst? Und diese Realität, die für die Stadion-Frage essenziell ist - und vor der es kein Entrinnen gibt -, fasst Streich folgendermaßen zusammen:

"Wir waren die letzten Jahre sportlich mindestens auf der Höhe von Mainz - in den letzten drei Jahren waren wir zweimal davor. Aber in der Wahrnehmung ist es so: Der SC Freiburg gilt in der Republik als sympathischer Verein mit einem gewissen Kult-Status. Das hat allerdings auch mit sportlichem Erfolg zu tun, weil man mit relativ wenig relativ viel geschafft hat in den letzten 20, 25 Jahren. Aber Freiburg ist in der Wahrnehmung eben nicht wie Mainz ein gestandener Bundesliga-Verein - und das muss sich verändern.

Wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass wir in einigen Bereichen intelligenter und besser sind als andere, wie Marcel schon gesagt hat. Die Vereine haben so viel aufgeholt. Wir hatten in manchen Dingen wirklich ein paar Nischen und Vorteile - heute wirst Du jedes Wochenende durchleuchtet, machen sie das in jeder dritten oder vierten Liga. Wir können nicht Jahr für Jahr etwas stemmen - und dann noch fünf Spieler verkaufen, weil wir das Geld wieder brauchen. Jetzt bist Du langsam an einem Punkt, an dem Du das nicht mehr kompensieren kannst. Wenn ich sehe, was wir immer leisten müssen, damit wir es vielleicht am Ende irgendwie schaffen, dann muss ich sagen: So geht das nicht!"

Die Befürchtung, angesichts der finanziellen Belastung durch den Stadionneubau künftig auf neue Spielerverpflichtungen verzichten zu müssen, wußte Christian Streich ebenfalls auzuräumen. Immerhin habe der Verein - ähnlich wie beim Bau der Fußballschule 2001 - bereits in der Vergangenheit Geld zurückgelegt, um das Stadion finanzieren und zeitgleich trotzdem konkurrenzfähig bleiben zu können. Betont wurde in diesem Zusammenhang nochmals die beachtliche Höhe der Einlage von 15 bis 20 Millionen Euro, also jenes SC-Eigenanteils, der bereits erwirtschaftet ist. Kein anderer Verein konnte bisher so viel aufbringen - abgesehen von einer Ausnahme: dem FC Bayern München.

Keine Alternative zum neuen Stadion

Dass nicht nur die Freiburger die Notwendigkeit des neuen Stadions erkannt haben, zeigt im Übrigen auch eine bezeichnende Bemerkung von Bayern-Co-Trainer Hermann Gerland, von der Streich berichtete: "Letztes Jahr hat der Co-Trainer von Bayern München zu mir gesagt: 'Ihr müsst jetzt aufpassen - es wird eng! Ich weiß zwar nicht, wie Ihr es die letzten Jahre geschafft habt, aber es geht jetzt irgendwann nicht mehr gut." Ohne sich mit den Bayern vergleichen zu wollen, steht für den SC-Coach jedenfalls fest: "Wir müssen mit dem Stadion nachziehen. Wir brauchen einfach die Möglichkeit, dass wenn wir Spieler entwickelt haben, sie nicht nach einem Jahr wieder weg sind. Wir können das sportlich nicht leisten."

Natürlich ging es in der Podiumsdiskussion aber auch um Themen abseits der Stadion-Debatte, etwa um die SC-Neuzugänge, die momentane Situation bei Borussia Dortmund oder um international äußerst umstrittene Fragen wie die Torlinientechnik und die WM in Katar. Dass es letztlich jedoch das neue Stadion war und ist, das alle Anwesenden umtreibt, verdeutlichten die abschließenden Publikums-Fragen, denen sich auch SC-Präsident Fritz Keller stellte. Und natürlich kamen auch die mitunter irreführenden und Ängste schürenden Wahlkampf-Taktiken einiger Stadion-Gegner zur Sprache, die von Christian Streich und Fritz Keller erneut scharf verurteilt wurden.


Nachschlag: Wer sich die gesamte Diskussion noch einmal in aller Ruhe anschauen möchte, dem steht auf der Website des Veranstalters, der Bürgerinitiative "Freiburg für Fairplay - pro Stadion", ein Video-Mitschnitt des Abends zur Verfügung. Zum Video geht es hier.

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